Leben und Technik

Wie verändern neue Technologien Biologie, Medizin und unsere menschliche Existenz?
ITAS Thema Leben und Technik
Fortschritte in den Bio-, Informations-, Medizin- und Neurotechnologien, einschließlich künstlicher Intelligenz (KI), können die Möglichkeiten für ein besseres Leben erweitern. Dies gilt für einzelne Bereiche wie Gesundheit, Ernährung und Sport, aber zudem allgemein im Arbeits- und Alltagsleben und für ökologische Herausforderungen (z. B. Gesundheitsfolgen des Klimawandels). Kontroverse Aspekte sind nicht nur neue Risiken (z. B. soziale Exklusion), sondern auch Tendenzen zum (Re-)Design biologischer Organismen, Prozesse und Systeme sowie zur Technisierung des Menschen: Grenzen zwischen biologischem sowie sozialem Leben einerseits und Technik andererseits werden noch durchlässiger, technologische Schnittstellen zum Menschen (u. a. in der Robotik und beim „Human Enhancement“) immer intimer. Verantwortliche Entwicklung (Responsible Research and Innovation, RRI) erfordert es hier, eng mit benachteiligten oder besonders betroffenen Gruppen zu kooperieren und eine Vielfalt ethischer Auffassungen sowie gesellschaftlicher Sichtweisen und Stakeholderinteressen zu berücksichtigen.   
Seit Langem beschäftigt sich das ITAS mit der Annäherung („Konvergenz“) von Biologie und Informationstechnologie („Bio-Info-Nexus“). Im Zentrum der Forschung stehen u. a. neue Biotechnologien zum Verständnis und (Re-)Design biologischer Systeme (z. B. durch Genome Editing oder Cellular Agriculture), diverse Robotik- und KI-Einsatzfelder sowie die Technisierung des Menschen durch Neurotechnik und Prothetik. Um deren kulturelle Bedeutung zu untersuchen, setzt das Institut auch auf Kunst-Wissenschaft-Kooperationen und hermeneutische TA (Projekt FUTUREBODY). Weitere Schwerpunkte sind Fragen des Vertrauens in Wissenschaft, assistive Systeme und Bedarfsanalysen in der Pflege, verschiedene Aspekte der biomedizinischen und Gesundheitsforschung (u. a. Citizen Science, Gesundheitsdaten, „Health Equity“ und KI-Nutzung), die kritische Analyse des Ableismus, die COVID-19-Pandemie und generell Bedingungen für Gesundheit und gutes Leben (Projekt NoWa). Ziel ist stets, die Governance von Forschung und Technikentwicklung auf gesellschaftliche Bedürfnisse auszurichten.

Neue Biotechnologien für biologische Erkenntnis und (Re-)Design-Ansätze

Das ITAS untersucht neue und sich entwickelnde („emergierende“) Bereiche der Lebenswissenschaften und der Biotechnologie sowie die dabei zunehmend wichtige Rolle von KI (Projekt Deepen Genomics). Die Forschenden beschäftigen sich dabei unter anderem mit den gesellschaftlichen Folgen der zuletzt für die Impfstoffentwicklung in der Covid-19-Pandemie entscheidenden synthetischen Biologie (Projekt SYNENERGENE) sowie der Genomforschung und Genome-Editing-Technologien. Auch ihre Anwendungen für industrielle Biotechnologie und Medizin sowie neue Technologien im Ernährungsbereich, z. B. In-vitro-Fleischherstellung mittels Cellular Agriculture, werden untersucht.

Einsatzfelder und gesellschaftliche Aspekte von Robotik und KI

Das ITAS befasst sich mit vielen zivilen Robotik-Anwendungen, insbesondere auch in der personalisierten Alltagsassistenz (z. B. für mobilitätseingeschränkte Menschen) sowie der Betreuung und Pflege (Projekte JuBotAssistive Technologien für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen und MOVEMENZ). Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung der zunehmend von Algorithmen und Robotern geprägten Arbeitswelt. Sie wird z. B. unter Gesundheitsaspekten, automatisierungsgeschichtlichen Gesichtspunkten und hinsichtlich „Human Enhancement“ untersucht. Beim Thema KI schließlich geht es um Technologiefelder wie die Robotik, bildgestützte medizinische Diagnostik und Behandlung und Neurotechnologie sowie das Gesundheitssystem.  

Neurotechnik, Prothetik und die Technisierung des Menschen

Fortschritte in der Neurotechnik, Prothetik und KI verstärken Tendenzen zur Mensch-Technik-Verschmelzung und weitere, vor allem digitale Technisierungsschübe in Alltag und Arbeit (Projekt KARL). Die Themen des ITAS reichen hier von avancierter Gliedmaßenprothetik (Projekt INOPRO) über Gegenwart und Visionen der Neurotechnik (samt Consumer Neurotechnologies) und die Fähigkeitserwartungen an Menschen sowie Kritik des Ableismus bis hin zu Fragen des Human Enhancement und der Technisierung von Menschenbildern.

Verantwortliche Forschung und Innovation

ITAS-Forschung will zur Entwicklung sicherer und ethisch vertretbarer Technik beitragen, die individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht. Das ITAS beforscht daher in inter- und transdisziplinären „Co-Creation“-Prozessen – mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern, Industrie (Projekt PRISMA), Politik und Zivilgesellschaft  – soziale Kontexte der Technikentwicklung und ‑nutzung, etwa von älteren oder erkrankten Menschen (Projekte TERRAIN und QuartrBack). Zentral ist auch die Frage des Vertrauens in Wissenschaft, die sowohl vertieft mit Blick auf Forschungsethik (Projekt iRECS) als auch umfassender hinsichtlich Wissenschaft, Forschung und Innovation untersucht wird (Projekt IANUS). Das ITAS arbeitet hier auch mit und zu Citizen-Science-Initiativen (Projekt TeQfor1), führt Fähigkeitserwartungsanalysen zur Kritik des Ableismus durch, erprobt „Kunst-Wissenschaft-Schnittstellen“ und befasst sich mit emergierenden Technologien (z. B. Quantentechnologie) sowie Gesundheitsfolgen krisenhafter Veränderungen, z. B. des Klimawandels und der Covid-19-Pandemie (Projekt FOCO).

Projekte zum Thema

Zur vollständigen Projektliste

Expertinnen und Experten

Weiterer Kontakt

Jonas Moosmüller
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 721 608-26796
E-mail

Publikationen zum Thema


2022
Bratan, T.; Nierling, L.; Maia, M. J.
Technische und menschliche Unterstützung von Menschen mit Behinderungen – Anforderungen an eine gelingende Inklusion
2022. Luthe, Ernst-Wilhelm; Müller, Sandra Verena; Schiering, Ina (Hg.): Assistive Technologien im Sozial- und Gesundheitssektor, 669–686, Springer Fachmedien Wiesbaden. doi:10.1007/978-3-658-34027-8_27
Coenen, C.; Grunwald, A.
Von der Erlösung zur Lösungsorientierung und zurück? Quasi-religiöse Zukunftsvisionen als Herausforderung und Chance für die Technikfolgenabschätzung
2022. Immanente Religion – Transzendente Technologie: Technologiediskurse und gesellschaftliche Grenzüberschreitungen. Hrsg.: Sabine Maasen, David Atwood, 159–190, Verlag Barbara Budrich 
Sanz de Miguel, P.; Serra, J. A.; Caballero, M.; Barrientos, D.; Peliz, M.; Boavida, N.; Moniz, A. B.; Pańków, M.; Pandis, P.; Karoulas, G.; Papageorgiou, I.; Betziou, N.
Social partners’ involvement in dual vocational education and training (VET): a comparison of Greece, Spain, Poland and Portugal
2022. Notus. doi:10.5281/zenodo.6669891VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument
2021
Bröckerhoff, P.; Evers-Wölk, M.; Sonk, M.; Pein, K.; Weinberger, N.; Krings, B.-J.; Woopen, C.
Bedarfe der Gesundheitsversorgung : Biografische und kulturelle Vielfalt beachten
2021. Deutsches Ärzteblatt <Köln> / C, 118 (42), A-1924 / B-1587 
Coenen, C.
Die wissenschaftlich-technisch ermöglichte Gottwerdung der Menschheit
2021. Wer bist du, Mensch? Transformationen menschlicher Selbstverständnisse im wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Hrsg.: Grunwald, Armin, 324–346, Herder 
Coenen, C.
Breaking the Spell of TINA – An Integrative Notion of Technical Progress
2021. Konfigurationen der Zeitlichkeit. Ed.: A. Friedrich, 318–323, Nomos Verlagsgesellschaft. doi:10.5771/9783748910961-318
Coenen, C.
Transcending Natural Limitations: The Military–Industrial Complex and the Transhumanist Temptation
2021. Transhumanism: The Proper Guide to a Posthuman Condition or a Dangerous Idea?. Ed.: W. Hofkirchner, 97–110, Springer International Publishing. doi:10.1007/978-3-030-56546-6_6
Coenen, C.; Stieglitz, T.
Neurotech-Ethics: Suggestions for the Way Forward
2021. 2021 10th International IEEE/EMBS Conference on Neural Engineering (NER), 639–642, Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE). doi:10.1109/NER49283.2021.9441374
Heil, R.; Heyen, N. B.; Baumann, M.; Hüsing, B.; Bachlechner, D.; Schmoch, U.; König, H.
Artificial intelligence in human genomics and biomedicine - Dynamics, potentials and challenges
2021. Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 30 (3), 30–36. doi:10.14512/tatup.30.3.30VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument
König, H.; Heyen, N. B.; Baumann, M.; Schmoch, U.; Bachlechner, D.; Heil, R.; Hüsing, B.
Künstliche Intelligenz in der genomischen Medizin – Potenziale und Handlungsbedarf
2021. Karlsruher Institut für Technologie (KIT). doi:10.5445/IR/1000130255VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument
Nierling, L.; Maia, M. J.; Bratan, T.
Technological or social drivers for a transformation towards an inclusive society? The role of Assistive Technologies for people with disabilities
2021. Gesellschaftliche Transformationen. Hrsg.: R. Lindner, 381–394, Nomos Verlagsgesellschaft. doi:10.5771/9783748901556-381
Weinberger, N.; Weis, A.; Pohlmann, S.; Brändle, C.; Zentek, T.; Ose, D.; Szecsenyi, J.
A New Method for Structured Integration of User Needs in Two Health Technology Development Projects: Action Sheets
2021. Informatics for health and social care, 46, 113–125. doi:10.1080/17538157.2020.1865968VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument