Konzepte und Maßnahmen zum Umgang mit sozio-technischen Herausforderungen bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle (SOTEC-radio)

Projektbeschreibung

Wie soll die Standortsuche, der Bau und Betrieb eines Endlagers insbesondere für hochradioaktive Abfälle ausgestaltet werden? Wie wird die langfristige Zwischenlagerung organisiert, die bis zum Bau eines solchen Endlagers erforderlich ist? Zur Beantwortung dieser Fragen leistet der naturwissenschaftlich-technische Sachverstand wesentliche Beiträge. Daneben braucht man jedoch zur Vorbereitung und Realisierung von Maßnahmen zur Entsorgung der radioaktiven Abfälle auch sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, z.B. über die sozialen Dynamiken bei der Standortauswahl.

Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass eine erfolgreiche Standortauswahl nicht nur eine Fortschreibung des naturwissenschaftlich-technischen Wissens, sondern auch die Berücksichtigung und den konstruktiven Umgang mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erwartungen erfordert. Forschungen zeigen außerdem, dass Wechselwirkungen zwischen den technischen und sozialen Faktoren bestehen. Die Entsorgung radioaktiver Abfälle stellt vor diesem Hintergrund eine soziotechnische Aufgabe dar, die über die bekannten disziplinären Forschungsgrenzen hinweg adressiert und analysiert werden muss. Forschungsbedarf wurde zu folgenden Fragen identifiziert:

  • Wie wirken in Entscheidungsprozessen Technik und Gesellschaft zusammen?
  • Wie beeinflussen politische, rechtliche und soziale Rahmenbedingungen die für die Endlagerung ausgewählten Technologien bzw. Endlagerkonzepte?
  • Inwieweit werden Möglichkeiten eröffnet und Instrumente angeboten, damit betroffene wie interessierte Akteure sich an den technischen Debatten und Entscheidungen beteiligen können?
  • Wie können die für politische und gesellschaftliche Dynamiken und Prozesse relevanten Zeiträume Berücksichtigung finden?

Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wird diesen Fragen nachgegangen. Dazu wird untersucht, wie soziotechnische Wechselwirkungen hinsichtlich der Endlagerung und der Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle zu identifizieren sind und vor allem wie diese erfasst, beschrieben und bewertet werden können.

Das Forschungsvorhaben verfolgt drei Hauptziele:

  1. Systematisierung
    Entwicklung und Fortschreibung eines differenzierten und systematisierten Verständnisses soziotechnischer Zusammenhänge und Herausforderungen bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle
  2. Konzeptentwicklung
    Entwicklung wissenschaftlicher Konzepte für die Analyse der soziotechnischen Herausforderungen
  3. Handlungsoptionen
    Entwicklung von Handlungsoptionen, mit denen die soziotechnischen Herausforderungen in Governance- und Management-Strukturen aufgegriffen werden können

Außerdem werden folgende weiterführende Ziele verfolgt:

  1. Beitrag zum Kompetenzerhalt und -entwicklung in der Wissenschaft/Endlagerforschung (Austausch mit interessierter Öffentlichkeit und Politik)
  2. Nachwuchsförderung im Hinblick auf die Langfristigkeit von F&E-Kapazitäten: durch Lehre, PhD-Kolloquien, Summer/Winter Schools etc.
  3. Ausbau und Pflege internationaler Kooperationen entlang der Entsorgungsproblematik
  4. Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Politik.

Die Arbeitshypothesen lauten:

  1. Im Umgang mit radioaktiven Abfällen wird der Endlagerung eine verlängerte Zwischenlagerung vorgeschaltet. Dies führt zu neuen gesellschaftlichen Konflikten.
  2. Aufgrund der prozessualen Dauer sowie möglicher Änderungen der Entsorgungspolitik und -konzepte, die durch technische und soziale Einflüsse getrieben sind, sowie daraus resultierender Unsicherheiten müssen Institutionen geschaffen werden, die beständig und robust wie gleichermaßen flexibel ausgestaltet sind.
  3. Je zügiger mit konkreten Arbeitsschritten zum Umgang mit radioaktiven Abfällen begonnen wird, desto vorteilhafter ist dies in wissenschaftlich-technischer, politischer, wirtschaftlicher wie sozialer Hinsicht.

Das ITAS befasst sich in einem eigenen Arbeitspaket mit Fragen zu Planungs- und Langzeitprozessen („Long-term Governance“). Im Zentrum des Interesses steht die Herausforderung, zukünftige Entwicklungen und Handlungserfordernisse in heutigen Planungsprozessen mitzudenken. Dies ist angesichts der sehr langen Zeiträume notwendig, die vergehen, bis ein Endlager verschlossen wird. Vor diesem Hintergrund muss die Stabilität zukünftiger Institutionen so gut wie möglich vorbereitet werden, d. h. es muss verhindert werden, dass beispielsweise durch heutige Wissensverluste zukünftiges Handeln erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Das ITAS befasst sich mit Fragen, wie:

  • Welche Randbedingungen gelten für die Stabilität von Institutionen?
  • Wie kann gesellschaftliche und politische Handlungsfähigkeit auch in Zukunft sichergestellt werden?

Zu diesem Zweck werden bestehende Konzepte für und Erfahrungen mit Langzeit-Monitoring und Governance gesichtet. Basierend auf Literatur, Experteninterviews und den Ergebnissen zweier vom ITAS organisierter Fokusgruppen werden außerdem Schlussfolgerungen für Planungen zum Umgang mit sozio-technischen Herausforderungen auf sicherheitstechnischer, wissenschaftlich-administrativer und institutioneller Ebene abgeleitet.

Erste Vorarbeiten zum Thema „Long-term Governance“ wurden im Rahmen des Projekts „Governance zwischen Wissenschaft und öffentlichem Protest. ITAS-Arbeitspaket in der Forschungsplattform ENTRIA“durchgeführt: Workshop zu „Technical Monitoring and Long-term Governance

„Handlungsempfehlungen für die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle aus soziotechnischer Perspektive“

Abschlusskonferenz 11./12.02.2020

Wie kann Reversibilität in der Endlagerstandortsuche organisiert werden?
Was sind Pfandabhängigkeiten oder eine adäquate Langzeit-Governance?
Wie können wir mit Expert*innen-Dissensen umgehen?

Im vom BMWi geförderten Projekt SOTEC-radio wurden Konzepte und Maßnahmen zum Umgang mit soziotechnischen Herausforderungen bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle entwickelt, die bei der Abschlusskonferenz im Februar in Berlin diskutiert werden.

Keynotes:

  • Prof. Armin Grunwald (ITAS am KIT) mit einer Einschätzung zu den Herausforderungen in der Endlagerstandortsuche: „Welche Herausforderungen sind abgearbeitet und was ist noch zu tun?“
  • Prof. Andreas Lösch (ITAS am KIT): „Soziotechnische Gestaltung als (Un-)Möglichkeit bei der nuklearen Entsorgung“
  • Prof. Miranda Schreurs (TU München): „Wo stehen wir im Standortauswahlverfahren?“

Entlang der Leitfrage „Welche Handlungsempfehlungen können aus soziotechnischer Perspektive für die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle formuliert werden?“ werden anschließend mit ausgewählten Impulsgeber*innen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zentrale Ergebnisse des Vorhabens und weitere Perspektiven besprochen.

Die Details zu Tagungsort und zeitlichem Ablauf entnehmen Sie bitte dem beigefügten Programm (PDF).

Publikationen


2020
Vorträge
Grunwald, A.
Endlager: Welche Herausforderungen sind abgearbeitet und was ist noch zu tun?.
2020. SOTEC-radio-Abschlusskonferenz (2020), Berlin, Deutschland, 11.–12. Februar 2020 
Hocke, P.; Bechthold, E.; Enderle, S.
Ist das Standortauswahlverfahren auf einem zukunftsfähigen und robusten Weg?.
2020. SOTEC-radio-Abschlusskonferenz (2020), Berlin, Deutschland, 11.–12. Februar 2020 
2019
Buchaufsätze
Hocke, P.; Brunnengräber, A.
Multi-Level Governance of Nuclear Waste Disposal. Conflicts and Contradictions in the German Decision Making System.
2019. Conflicts, Participation and Acceptability in Nuclear Waste Governance. An international comparison. Vol. 3. Ed.: A. Brunnengräber, 383–401, Springer Fachmedien Wiesbaden 
Zeitschriftenaufsätze
Vorträge
Hocke, P.
Wer steuert das Verfahren? Strukturelle Beobachtungen - konstruktive Handlungsfähigkeit.
2019. Tagung "Standortsuche MMiteinander - aber nicht konform? Atommüll-Lager und Partizipation" (2019), Loccum, Deutschland, 28.–30. Juni 2019 
Hocke, P.
Problemorientierte Governance in einem nuklearen Standortauswahlverfahren. Partizipation als Chance für die "Endlagerung"?.
2019. Ringvorlesung "Kernenergie und Brennstoffkreislauf" (2019), Hannover, Deutschland, 14. Januar 2019 
Hocke, P.; Kuppler, S.
Do we need a nuclear steward? Monitoring as task for long-term governance institution.
2019. Modern2020 Final Conference (2019), Paris, Frankreich, 9.–11. April 2019 
2018
Forschungsberichte/Preprints
Kallenbach-Herbert, B.; Akinsara-Minhans, A.; Brohmann, B.; Kuppler, S.; Hocke, P.; Bechthold, E.; Brunnengräber, A.; Isodoro Losada, A.; Themann, D.
Konzepte und Maßnahmen zum Umgang mit soziotechnischen Herausforderungen bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle (SOTEC-radio).
2018. Öko-Institut e.V 
Vorträge
Hocke, P.
Ansätze und Begriffe des Soziotechnischen.
2018. SOTEC-radio-Workshop (2018), Frankfurt am Main, Deutschland, 22. Februar 2018 
Hocke, P.
Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe: Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen.
2018. Deutsch-Russisches NO.RWM-Seminar "Society and Radioactive Waste" (2018), Tomsk, Russland, 19. Oktober 2018 
Hocke, P.; Brunnengräber, A.; Kallenbach-Herbert, B.; Kuppler, S.
Zwischen Technik und Gesellschaft: Wer gestaltet das Endlager?.
2018. 13. Projektstatusgespräch zu BMWi-geförderten FuE-Arbeiten zur Entsorgung radioaktiver Abfälle (2018), Karlsruhe, Deutschland, 20. Juni 2018 
Hocke, P.; Kuppler, S.; Mbah, M.
Politischer Lernprozess oder naives Hoffen auf positive Effekte zukünftiger Bürgerbeteiligung? Das neue deutsche Standortauswahlverfahren bei der Entsorgung hochradioaktiver Brennstoffe.
2018. 8. Internationale Konferenz des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA 2018), Karlsruhe, Deutschland, 7.–8. November 2018 
Kuppler, S.; Hocke, P.
Governance-Herausforderungen in der Endlagerpolitik.
2018. Ringvorlesung "Kernenergie und Brennstoffkreislauf - Technische Aspekte und gesellschaftlicher Diskurs", Hannover, 16.01.2018 
Kuppler, S.; Mbah, M.
Governing energy landscapes. The need for a long-term, place-sensitive perspective.
2018. UFZ Energy Days (2018), Leipzig, Deutschland, 24.–25. September 2018 
2017
Vorträge
Kuppler, S.
Governance von Stauräumen. Ansätze zum Umgang mit Zielkonflikten in gesellschaftlichen Transformationsprozessen.
2017. Kolloquium ’CHARM - Stauraummanagement : Prozesse im Kleinen, Auswirkungen im Großen’, Freiburg, 12.Oktober 2017 

Kontakt

Dr. Peter Hocke
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
76021 Karlsruhe

Tel.: 0721 608-26893
E-Mail