Technikfolgenabschätzung aus einer Rawlsschen Perspektive am Beispiel des autonomen Fahrens
- Projektteam:
Brändle, Claudia (Dissertation)
- Starttermin:
2018
- Endtermin:
2026
- Forschungsgruppe:
Projektbeschreibung
Die vorliegende Dissertation führt zwei Forschungsfelder zusammen, die bisher nur getrennt voneinander betrachtet wurden: zum einen die gesellschaftlichen und ethischen Herausforderungen des autonomen Fahrens, zum anderen die Verbindung zwischen John Rawls politischer Philosophie und der Technikfolgenabschätzung (TA). Die Arbeit versteht sich daher sowohl als konkrete Analyse der ethischen Fragen des autonomen Fahrens als auch als möglicher Beitrag zu einer Theorie der Technikfolgenabschätzung aus einer Rawlsschen Perspektive.
Den Ausgangspunkt bildet das autonome Fahren als Beispiel dafür, wie technische Innovationen bestehende Unsicherheiten bei moralischen Entscheidungen sichtbar machen können. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Frage, auf welchen ethischen Kriterien die Entscheidungsalgorithmen autonomer Fahrzeuge basieren sollten. Die wissenschaftliche und öffentliche Debatte, insbesondere hinsichtlich des sogenannten Trolley-Problems, macht deutlich, dass kein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, von welchen moralischen Prinzipien automatisierte Entscheidungen in Dilemmasituationen geleitet werden sollten. Ein Blick in die Philosophie offenbart, dass diese Fragen möglicherweise nie, sicherlich aber nicht in naher Zukunft beantwortet werden können.
Vor diesem Hintergrund knüpft die Arbeit an Konzepte der späten politischen Philosophie von John Rawls an, insbesondere an die Ideen des vernünftigen Pluralismus, der öffentlichen Vernunft und des reflektierten Gleichgewichts. Aus dieser Perspektive besteht die zentrale Herausforderung im Kontext des autonomen Fahrens nicht darin, eine moralische Lösung zu finden, die alle philosophischen Einwände überwindet, sondern Kriterien zu identifizieren, die von vernünftigen Bürgerinnen und Bürgern in einer pluralistischen Gesellschaft akzeptiert werden können. Dies erfordert Methoden und Prozesse, die unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven zusammenführen, Konflikte sichtbar machen und demokratische Aushandlungsprozesse ermöglichen können. An dieser Stelle gewinnt die Technikfolgenabschätzung durch ihren Fokus auf partizipative Formate, das Einbeziehen verschiedener Stakeholder, die Berücksichtigung unterschiedlicher Wertvorstellungen und ihren Ursprung in der Politikberatung besondere Bedeutung. Sie ist zum einen ein sinnvolles Instrument für den Umgang mit den konkreten Herausforderungen des autonomen Fahrens, kann gleichzeitig aber auch als Rawlssches Konzept „in Aktion“ verstanden werden.
Auf dieser Grundlage entwickelt die Dissertation die These, dass zwischen der politischen Philosophie von John Rawls und der Technikfolgenabschätzung eine substanzielle, bislang allerdings nur implizite Verbindung besteht. Die Untersuchung dieser Verbindung eröffnet neue Möglichkeiten sowohl für die theoretische Weiterentwicklung der TA als auch für ihre praktische Anwendung. Rawlssche Konzepte können dazu beitragen, die normativen Grundlagen technologischer Bewertung klarer zu bestimmen und Verfahren gesellschaftlicher Beteiligung philosophisch zu begründen. Umgekehrt bietet die Praxis der Technikfolgenabschätzung ein konkretes Anwendungsfeld, in dem sich politische und moralphilosophische Konzepte empirisch beobachten und weiterentwickeln lassen.
Administrative Daten
| Referent: | Prof. Dr. Armin Grunwald |
| Korreferent: | N.N. |
| Doktoranden bei ITAS: | siehe Promovieren am ITAS |
Publikationen
Brändle, C., Grunwald, A. (2019)
Autonomes Fahren aus Sicht der Maschinenethik. In: Bendel, O. (Hrsg.) Handbuch Maschinenethik. Springer VS, Wiesbaden. 281–300.
DOI: 10.1007/978-3-658-17483-5_18
Brändle, C. (2024)
Chapter 23 Soothing the Socio-Ethical Unease: Trolley Problems in the Age of Automated Decision-Making. The De Gruyter Handbook of Automated Futures: Imaginaries, Interactions and Impact, edited by Vaike Fors, Martin Berg and Meike Brodersen, Berlin, Boston: De Gruyter, 379–394.
DOI: 10.1515/9783110792256-023
Brändle, C.; Schmidt, M. W. (2021).
Autonomous Driving and Public Reason: a Rawlsian Approach. Philosophy & Technology. 34. 1475–1499.
DOI: 10.1007/s13347-021-00468-1
Kontakt
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
76021 Karlsruhe
Tel.: 0721 608-26214
E-Mail
