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Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen im Multimedia-Bereich aus der Genderperspektive [12.08.2003]

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Schon Anfang der 90er Jahre galten die Potenziale der Informations- und Kommunikationstechnologien als richtungsweisend für die Modernisierung der Arbeitsstrukturen vor allem im Dienstleistungssektor. Als zentraler Begriff galt schon hier die "Flexibilisierung der Arbeit", womit vor allem die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit vom Arbeitsplatz, vom Arbeitgeber sowie von festgefügten Arbeitsrhythmen gemeint wurde. Vielseitige Visionen neuer Arbeitsmodelle entstanden, die der strikten Trennung der Berufs- und Privatsphäre ein Ende setzten - Visionen, die vor allem für Frauen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und familiären Verpflichtungen als eine vielversprechende Perspektive galten.

In welcher Form und ob sich diese Erwartungen realisiert haben und weiterhin realisieren, war die inhaltliche Fragestellung des Projektes Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen im Multimediabereich aus der Perspektive der Genderforschung, dessen Ergebnisse in Form eines FZKA-Berichtes nun vorgelegt wurden. Das Projekt wurde mit Mitteln aus dem Förderprogramm "Frauenforschung" des Sozialministeriums Baden-Württemberg finanziert und hatte eine Laufzeit von zwei Jahren.

Die empirischen Ergebnisse der Studie spiegeln in übereinstimmender Weise den Stand der Diskussion sowie vergleichbarer Studien und kommen zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass die spezifische Ausprägung der Arbeitsstrukturen in dieser Branche eine gewisse Vorreiterfunktion für andere Branchen übernehmen. Aus der Perspektive der Genderforschung ergaben sich aus den Fallstudien die folgenden Erkenntnisse:

  • Trotz des hohen Frauenanteils im Untersuchungsfeld kann keine Flexibilisierung der Arbeitsstrukturen in zeitlicher und räumlicher Hinsicht beobachtet werden. 
  • Die Wertorientierung der Interviewpartnerinnen kann als "modern" eingestuft werden, d. h. die berufliche Tätigkeit ist einerseits identitätsstiftend für die biographische Gestaltung und andererseits gilt die Erwerbstätigkeit als wichtige Voraussetzung für die ökonomische Unabhängigkeit.
  • Im Rahmen der Erwerbstätigkeit ist die Leistungsbereitschaft hoch und die Lebensbereiche Partnerschaft und Familie werden dem zeitlichen Rhythmus des Berufs unterstellt.
  • Die Arbeitsanforderungen der Berufsprofile erfordern in besonderem Maße die Anpassung an das historisch geprägte "männliche Modell von Erwerbstätigkeit". Diese Anpassung führt zu einem Wandel der weiblichen Lebenskonzepte wie Verzicht auf Kinder oder Familienplanung mit höchstens einem Kind, der Forderung nach neuen partnerschaftlichen Arrangements oder nach hoch individualisierten Lebenskonzepten. Auf Seiten der männlichen Interviewpartner konnte dieser Wandel nicht festgestellt werden.
  • Dieser Wandel der weiblichen Lebenskonzepte zeichnet sich sehr stark durch die Abwehr der traditionellen weiblichen Geschlechterrollen und durch die (un)bewusste Suche nach neuen weiblichen Lebensmodellen aus. Diese Suche wird von den Frauen als individuell zu erbringende Leistung betrachtet, die im persönlichen Lebenskontext stattfindet und wenig Unterstützung im Rahmen der Gesellschaft erfährt. Bei der männlichen Untersuchungsgruppe kann hingegen ein soziokultureller Wandel der Lebenskonzepte (noch) nicht festgestellt werden. Hier werden noch immer Lebensmodelle beobachtet, die auf Tradition und Kontinuität beruhen und an denen festgehalten wird.

Die Ergebnisse zeigen exemplarisch, dass einerseits der hohe Technisierungsgrad und andererseits der hohe Anteil von Frauen in der Multimediabranche zu keinen neuen Modellen im Hinblick auf familienintegrierende Arbeitsbedingungen geführt haben. Im Gegenteil hat eher eine Anpassung an das männliche Erwerbsmodell stattgefunden. Das bedeutet konkret, dass die Lebensführung einer zweck- und zielorientierten Perspektive unterworfen wird, was den Trend im Hinblick auf eine wachsende Rationalisierung und Selbstdisziplinierung in der Lebens-undBerufswelt forciert. Diese Tendenz hat tiefgreifende Konsequenzen sowohl im Hinblick auf die Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Erwerbsarbeit als auch für die Reproduktionsbedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung.

Bibliografische Angaben:
Krings, B.-J.
Wandel der Arbeits- und Lebensbedingungen im Multimedia-Bereich aus der Genderperspektive.
Karlsruhe: Forschungszentrum Karlsruhe 2003 (Wissenschaftliche Berichte, FZKA 6892)

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Weiterführende Links:

  • Eine Kurzbeschreibung des Projekts hier
  • Die persönliche Homepage der Autorin Krings