Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)

Endlager-Forschung mit Bürgerinnen und Bürgern: ITAS-Arbeitspakete im TRANSENS-Verbund („Transdisziplinäre Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in Deutschland“)

Projektbeschreibung

TRANSENS Projekt-Team
TRANSENS Projekt-Team

Projektzusammenfassung

Erstmals wird in Deutschland transdisziplinär zur Entsorgung radioaktiver Abfälle geforscht. Im Forschungsverbund TRANSENS („Transdisziplinäre Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in Deutschland“) ist das ITAS für zwei Transdisziplinäre Arbeitspakete (TAP) verantwortlich. Die Expertinnen und Experten aus der ITAS-Forschungsgruppe „Endlagerung als soziotechnisches Projekt“ beschäftigen sich dabei insbesondere mit Fragen von Dialog, Gerechtigkeit und Handlungsfähigkeit in dem 2017 gestarteten Standortauswahlverfahren. Der anspruchsvollen Fragestellung, wie radioaktive Abfälle sicher zu entsorgen sind, ist allein wissenschaftlich nicht beizukommen. Gesellschaftliche Diskurse und bestehende Konflikte prägen die Entscheidungsfindung bei der Standortsuche für ein Endlager ebenso wie eine Reihe technischer Herausforderungen, die mit der angestrebten Rückholbarkeit der Abfälle zusammenhängen.

Das ITAS-Team ist federführend verantwortlich für die TRANSENS-Arbeitspakete „Handlungsfähigkeit und Flexibilität in einem reversiblen Verfahren“ (HAFF) und „Dialoge und Prozessgestaltung in Wechselwirkung von Recht, Gerechtigkeit und Governance“ (DIPRO). Die Forschungsarbeit hat durchweg transdisziplinären Charakter, bezieht also stets die interessierte Öffentlichkeit und weitere Akteure der Endlagersuche mit ein.

Forschungsverbund TRANSENS

Der Forschungsverbund TRANSENS verfolgt drei Hauptziele, die seinen innovativen Charakter verdeutlichen: (1) Erarbeitung wichtiger neuer Perspektiven auf soziotechnische Prozesse im Zusammenhang mit der nuklearen Entsorgung durch transdisziplinäre Kooperation, (2) Weiterentwicklung von Transdisziplinarität durch transdisziplinäre anwendungsorientierte Grundlagenforschung und systematische Selbstreflexion, um an der Lösung auch anderer bedeutsamer sozialer und technischer Fragestellungen mitzuwirken (Transdisziplinaritätsforschung), und (3) Förderung des für die nukleare Entsorgung erforderlichen Nachwuchs und Erhaltung wissenschaftlicher Kompetenz.

TRANSENS ist ein Verbundvorhaben, in dem 17 Forschungsteams aus neun deutschen Universitäten und zwei Schweizer Einrichtungen zusammenarbeiten. Transdisziplinäres Forschen steht dabei im Mittelpunkt. Die interessierte Öffentlichkeit und andere nicht auf Entsorgung spezialisierte Akteure werden planvoll in Forschungskontexte, konkret in die vier Transdisziplinären Arbeitspakete (TAP) eingebunden.

  • HAFF: Handlungsfähigkeit und Flexibilität in einem reversiblen Verfahren (TAP-Leitung: Peter Hocke, ITAS)
  • SAFE: Safety Case: Stakeholder-Perspektiven und Transdisziplinarität
  • TRUST: Technik, Unsicherheiten, Komplexität und Vertrauen
  • DIPRO: Dialoge und Prozessgestaltung in Wechselwirkung von Recht, Gerechtigkeit und Governance (TAP-Leitung: Ulrich Smeddinck, ITAS)

Die Möglichkeiten transdisziplinärer Forschung in der nuklearen Entsorgung werden im Verbund systematisch reflektiert (Transdisziplinaritätsforschung).

Gefördert wird TRANSENS vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und der Volkswagenstiftung zusammen mit dem Land Niedersachsen. Die Leitung des Forschungsverbundes liegt bei der TU Clausthal.

Endlager-Forschung mit Bürgerinnen und Bürgern

Einerseits haben die technokratische Engführung und eingeschränkte Bereitschaft zu öffentlichen Diskussionen, die die Entsorgungspolitik über viele Jahre prägten, dazu beigetragen, dass Vertrauen verspielt wurde. Dies gilt insbesondere auch für das Vertrauen zivilgesellschaftlicher Akteure in das Agieren und die Aussagen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Andererseits hat sich die Gesellschaft generell gewandelt. Bürgerinnen und Bürger erwarten deutlich erweiterte Mitsprache- und Mitgestaltungsmöglichkeiten und misstrauen Expertinnen und Experten oder wissenschaftlichen Einrichtungen ebenso wie formal zuständigen Unternehmen und Behörden.

Auf diese Herausforderungen reagieren die beiden von ITAS geleiteten TAPs.

TAP HAFF – Handlungsfähigkeit und Flexibilität in einem reversiblen Verfahren

Das neue deutsche Standortauswahlverfahren nach StandAG und die Arbeiten der Endlagerkommission legen eine Reihe von Merkmalen fest, nach denen das Verfahren bis zur Ermittlung eines Tiefenlagerstandorts selbst, aber auch die Endlagerpolitik darüber hinaus geprägt sein soll. In besonderer Weise wird dabei Reversibilität ins Zentrum des Themenkorridors gerückt und so werden lineare Entwicklungsvorstellungen relativiert (Endlagerkommission 2016, NEA 2012). Neben der Festlegung von wissenschaftlichen Kriterien wird auch das Moment der Flexibilität in das Verfahren aufgenommen. Haltepunkte im Verfahrensablauf, die Option von begründeten Rückschritten und neue Forschungsergebnisse sollen dabei in angemessener Weise berücksichtigt werden. Das TAP HAFF leistet Grundlagenforschung zur Unterstützung dieser Arbeiten.

Kooperation:

Im TAP HAFF arbeiten die Disziplinen Arbeits- und Organisationspsychologie (Universität Kassel, Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie), interdisziplinäre Endlagerforschung (KIT-ITAS, Öko-Institut, Darmstadt), Sozialgeographie (Öko-Institut), Politikwissenschaften (KIT-ITAS), Soziologie (KIT-ITAS), Technikfolgenabschätzung (KIT-ITAS), Geowissenschaften (Öko-Institut; KIT, Institut für Nukleare Entsorgung), Radiochemie (Institut für Nukleare Entsorgung), Strahlenschutz (Institut für Nukleare Entsorgung), Rechtswissenschaften (KIT-ITAS) und Ingenieurwissenschaften (TU Braunschweig, Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz; Leibniz Universität Hannover, Institut für Werkstoffkunde).

TAP DIPRO – Dialoge und Prozessgestaltung in Wechselwirkung von Recht, Gerechtigkeit und Governance

Gerechtigkeitsfragen haben einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Das gilt insbesondere bei unbeliebten, belastenden oder risikobehafteten Projekten wie der Standortsuche und der Realisierung eines Endlagers. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist – neben der Angst vor Gefahren – wohl einer der größten Triebkräfte zivilgesellschaftlichen Handelns und Protest. Viele Prozesse in der Realisierung eines Endlagers – und vorgelagert der Standortauswahl – werden jeweils abhängig vom eigenen Empfinden, Wissen und individuellen Positionierungen als gerecht oder ungerecht wahrgenommen. Gerechtigkeitsfragen aber sind Wertungsfragen. Die Gründe für den Eindruck von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit liegen nicht allein in der potenziellen Gefährdung durch die Abfallstoffe, sondern auch in der Gestaltung des rechtlichen Rahmens und der politischen Endlager-Governance, d. h. der Art und Weise der Entscheidungsfindung darüber, wo, warum und wie eine Lagerstätte errichtet werden soll.

Kooperation:

Im TAP DIPRO arbeiten die Disziplinen Philosophie (Universität zu Kiel, Lehrstuhl für Philosophie und Ethik der Umwelt), Recht (KIT-ITAS) und Politikwissenschaft (FU Berlin, Forschungszentrum für Umweltpolitik), unterstützt von den Disziplinen Ökonomie (TU Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik), Ingenieurwissenschaften (Leibniz Universität Hannover, Institut für Werkstoffkunde, TU Braunschweig, Institut für Baustoffe, Massivbau und Brandschutz), sowie Informatik/Informationswissenschaft (Universität zu Kiel, Institut für Informatik) zusammen.

ITAS-Forschungsthemen

HAFF:

  • Pfadabhängigkeit als Risiko und Herausforderung
  • Raumwirkungen und Governance

DIPRO:

  • Freiwilligkeit und Kompensationen
  • Was lernen wir aus dem transdisziplinären Forschungsansatz für die Standortsuche?
  • Kommentierung des Standortauswahlgesetzes (Neufassung)

Vorige Publikationen

  • Smeddinck, U.; Mintzlaff, V.; Pönitz, E.: Entsorgungsforschung am Wendepunkt? Transdisziplinarität als Perspektive für die Forschung zur Entsorgung hochradioaktiver Abfälle – ein Projekt-Buch. Berlin 2020
  • Smeddinck, U.; Kuppler, S.; Chaudry, S.: Inter- und Transdisziplinarität bei der Entsorgung radioaktiver Reststoffe – Grundlagen, Beispiele, Wissenssynthese. Wiesbaden 2016
  • Smeddinck, U. (Hg.): Standortauswahlgesetz – Kommentar. Berlin 2017
  • Ott, K.; Smeddinck, U. (Hg.): Umwelt, Gerechtigkeit, Freiwilligkeit – insbesondere bei der Realisierung eines Endlagers. Berlin 2018
  • Hocke, P.; Smeddinck, U.: Robust-parlamentarisch oder informell-partizipativ? Die Tücken der Entscheidungsfindung in komplexen Verfahren. GAIA 2017, 125 ff.

Kontakt

Dr. Peter Hocke
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
76021 Karlsruhe

Tel.: 0721 608-26893
E-Mail