Abschied von Nachhaltigkeitspionier

Jürgen Kopfmüller hat mit dem Integrativen Konzept Nachhaltiger Entwicklung die Nachhaltigkeitsforschung maßgeblich geprägt. Nach 35 Jahren am ITAS verabschiedeten ihn Kolleg:innen und Weggefährt:innen im Rahmen eines Kolloquiums in den (Fast-)Ruhestand.
Abschied Jürgen Kopfmüller
Jürgen Kopfmüller (Mitte) im Kreis der Beitragenden zum Festkolloquium: Malte Faber, Kora Kristof, Raimund Bleischwitz und Angelika Zahrnt (v.l.n.r.)
Kora Kristof
KIT-Vizepräsidentin Kora Kristof mit der Originalpublikation zu IKoNE
Fishbowl-Diskussion
Engagierte Fishbowl-Diskussion, hier mit ITAS-Leiter Armin Grunwald …
Fishbowl-Diskussion
… und seiner Stellvertreterin Constanze Scherz.

Die Nachhaltigkeitsforschung ist eines der zentralen Themen am ITAS, und Jürgen Kopfmüller ihr wohl renommiertester Vertreter sowie ein bundesweit anerkannter Vordenker. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Wirtschaftstheorie und Umweltökonomie in Heidelberg forschte Kopfmüller als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Energie- und Umweltforschung (IFEU). 1991 wechselte er ans Forschungszentrum Karlsruhe in die Abteilung für Angewandte Systemanalyse (AFAS), aus der später das ITAS hervorging.

IKoNE als Meilenstein der Nachhaltigkeitsforschung

Am ITAS beschäftigte er sich unter anderem mit der Nachhaltigkeitsbewertung, Klima- und Energiepolitik sowie den sozioökonomischen Ursachen und Folgen von Umweltproblemen. Sein wichtigstes Betätigungsfeld war die Entwicklung von Nachhaltigkeitskonzepten, was im Jahr 2001 in die Veröffentlichung des „Integrativen Konzepts nachhaltiger Entwicklung” (IKoNE) mündete. In diesem verbanden er und seine Ko-Autorinnen und -Autoren ökologische mit sozialen, ökonomischen und institutionellen Zielen. Das IKoNE wurde und wird bis heute in unterschiedlichen thematischen, geographischen und kulturellen Kontexten angewendet. Am ITAS leitete Kopfmüller zusammen mit Christine Rösch den Forschungsbereich „Nachhaltigkeit und Umwelt“ sowie zuletzt die Querschnittsaktivität Nachhaltigkeit.

Festkolloquium zu „Mühen, Minen und Meriten“

Am 22. Juli 2026 wurde Jürgen Kopfmüller mit einem Festkolloquium in den Ruhestand verabschiedet. Unter dem Titel. „Die Mühen, Minen und Meriten der Nachhaltigkeit(sforschung)” gaben vier prägende Persönlichkeiten ganz persönliche Einblicke in 30 Jahre Nachhaltigkeitsdiskurs. Zum Auftakt steckte Angelika Zahrnt, eine Pionierin der deutschen Nachhaltigkeitsbewegung und Umweltpolitik, den historischen und gesellschaftlichen Rahmen des Themas ab. Die Volkswirtin blickte dabei auf ihre Zeit beim BUND zurück, dem sie von 1998 bis 2007 vorstand und der unter anderem Mit-Herausgeber der wegweisenden Studie „Zukunftsfähiges Deutschland” war.

Anschließend reflektierte Malte Faber, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg, über die Bedeutung von Unwissen und Vertrauen für den Nachhaltigkeitsdiskurs. Faber, bei dem Jürgen Kopfmüller in den 1980er Jahren studierte, gilt als ein Wegbereiter der ökologischen Ökonomik.

Eine verstärkt internationale Perspektive ergänzte Raimund Bleischwitz, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) und Professor für Global Nachhaltige Ressourcen an der Universität Bremen. In seinem Impuls betonte er die Bedeutung neuer globaler Allianzen, um Nachhaltigkeit angesichts geopolitischer und technologischer Disruptionen voranzubringen.

Kora Kristof, amtierende Vizepräsidentin für Digitalisierung und Nachhaltigkeit des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), komplettierte das Bild schließlich mit ihrer Perspektive. In ihrem Impuls spannte Kristof den Bogen von den vergangenen Jahrzehnten, in denen Nachhaltigkeit in vielen Bereichen zum „New Normal“ geworden sei, bis hin zur Frage, wie heute die sozial-ökologische und die digitale Transformation zusammenwirken können.

Diskussion über Rolle und Wirkung der (Nachhaltigkeits-)Forschung

In der anschließenden offenen Fish-Bowl-Diskussion wurde unter anderem darüber diskutiert, welche Rolle die junge Generation bei der künftigen Transformation spielen kann und wie Forschende sie auf die Herausforderungen dieser Zeit vorbereiten können, damit sie selbst ins Handeln kommen. Hervorgehoben wurden auch die Bedeutung integrativer Ansätze wie IKoNE sowie die Potenziale neuer Formate wie Reallabore, Tandemprofessuren oder neuer Forschungsinfrastrukturen als Orte für transdisziplinäre Zusammenarbeit. Auch die Frage nach der Wirkung von Nachhaltigkeitsforschung und der Rolle der Forschenden im Zusammenspiel mit Gesellschaft und Politik wurde thematisiert.

Trotz gegenwärtiger Mühen und Hindernisse konnten sich alle Teilnehmenden an der Diskussion darauf verständigen, dass das gemeinsame Verändern von Dingen nicht nur mühevoll ist, sondern auch Spaß machen soll. Diesen wird Jürgen Kopfmüller zumindest noch für einige Zeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen am ITAS teilen – eineinhalb Jahre lang wird er in Teilzeit seine Erfahrungen an die nächste Generation von Nachhaltigkeitsforschenden weitergeben können. (18.08.2026)

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