Axel Woitowitz

Auswirkungen einer Einschränkung des Verzehrs von Lebensmitteln tierischer Herkunft auf ausgewählte Nachhaltigkeitsindikatoren dargestellt am Beispiel konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise

Karlsruhe: Forschungszentrum Karlsruhe 2008
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KURZFASSUNG

In der vorliegenden Arbeit werden die Auswirkungen eines eingeschränkten Verzehrs der tierischen Lebensmittel Fleisch, Milch und Eier auf ausgewählte Indikatoren zur Abbildung einer nachhaltigen Entwicklung im Bereich Landwirtschaft und Ernährung abgeschätzt. Dies geschieht vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse denen zufolge die deutsche Bevölkerung mit Energie im Allgemeinen und einzelnen Nährstoffen im Besonderen überversorgt ist, z.B. Fett oder Protein.

Im Sinne einer Systemanalyse werden in der Arbeit alle Stufen der Bereitstellung der Lebensmittel, von der Landwirtschaft und deren Vorleistungen über die Verarbeitung bis hin zu den jeweiligen Einzelhandelsgeschäften, berücksichtigt. Da die Auswirkungen entscheidend von der Art der Landbewirtschaftung, Verarbeitung und Distribution der Lebensmittel abhängen, werden in der Arbeit unterschiedliche Wirtschaftsformen betrachtet. Neben einer konventionellen Produktionsweise werden eine flächendeckend ökologisch ausgerichtete Land- und Ernährungswirtschaft sowie eine dritte, sogenannte konventionell ressourcenschonende Wirtschaftsweise – ein Teil der mineralischen Düngemittel wird hierbei durch betriebseigene organische Dünger ersetzt und an Stelle von zugekauftem Fertigfutter werden hofeigene Kraftfuttermischungen verwendet – untersucht.

Am Anfang der Arbeit steht die Berechnung des Fleischbedarfs entsprechend den Empfehlungen zur Proteinzufuhr sowie zur Höhe des Konsums tierischer Lebensmittel (hier: Fleisch). Dadurch wird gleichfalls die Energiezufuhr reduziert. Wie die Ergebnisse zeigen, müsste in Deutschland der Fleischverzehr von gegenwärtig rd. 60 kg auf etwa 20 kg pro Person und Jahr eingeschränkt werden, um eine Überversorgung und damit einhergehende gesundheitliche Risiken zu vermeiden. Der Konsum von Milch würde im gleichen Zug von rd. 330 kg auf 260 kg und der Verzehr von Hühnereiern von 220 Stück auf 130 Stück pro Person und Jahr reduziert werden. Durch diese Einschränkungen im Verzehr tierischer Lebensmittel würde in der Folge die Proteinzufuhr aus tierischen Lebensmitteln von ca. 50 g pro Person und Tag auf ca. 30 g sinken.

Die geringeren Verzehrsmengen an Fleisch, Milch und Eiern würden sich direkt auf die Tierbestände in Deutschland auswirken. Hierdurch käme es zu einer Bestandsminderung unter der Annahme, dass sich der Umfang der im Inland erzeugten tierischen Lebensmittel am vollen Selbstversorgungsgrad der einheimischen Bevölkerung orientiert. Anstelle von 14,8 Mio. GVE (2001) wären in Deutschland bei konventioneller Wirtschaftsweise nur noch rd. 7,0 Mio. GVE zur Deckung des Fleischbedarfs erforderlich. Dies entspräche einem Rückgang von mehr als 50 %. Unter ökologischer Wirtschaftsweise wäre ein größerer Tierbestand (8,4 Mio. GVE) erforderlich als unter konventionellen Bedingungen. Dies entspräche einem Rückgang von gut 40 % gegenüber dem derzeitigen Tierbestand in Deutschland. Grund hierfür sind die extensiveren Produktionsverfahren innerhalb ökologisch wirtschaftender Betriebe und die damit verbundenen geringeren tierischen Leistungen.

Da die einzelnen Wirtschaftsweisen (konventionell, ressourcenschonend und ökologisch) jeweils im Sinne von Kettenbetrachtungen untersucht werden, werden in der Arbeit vornehmlich solche Nachhaltigkeitsindikatoren ausgewählt, die möglichst an allen betrachteten Gliedern der Prozesskette relevant sind. Hierzu gehören der Primärenergieverbrauch, die Treibhausgasemissionen, die Beschäftigungseffekte sowie die Flächeninanspruchnahme. Anhand dieser Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung werden die Auswirkungen eines eingeschränkten Verzehrs an Lebensmitteln tierischer Herkunft bei unterschiedlicher Produktionsweise untersucht.

Die Ergebnisse zum Primärenergieverbrauch zeigen, dass die Erzeugung einer reduzierten Menge tierischer Lebensmittel unter konventionellen Wirtschaftsmethoden 2.240 MJ Primärenergie pro Person und Jahr erfordern würde im Vergleich zu 3.980 MJ, um eine Person mit tierischen Lebensmitteln unter derzeitigen Konsummustern zu versorgen. Dies entspräche einem Rückgang von knapp 50 %. Der jährliche Gesamtenergieverbrauch zur Erzeugung tierischer Lebensmittel für Deutschland ginge somit von 329 PJ auf 185 PJ zurück. Bei Erzeugung unter ökologischer Bewirtschaftung läge der Rückgang im Primärenergiebedarf in vergleichbarer Höhe, auf 2.190 MJ pro Person und Jahr bzw. 181 PJ/Jahr in Deutschland. Die Bereitstellung tierischer Lebensmittel aus einer ressourcenschonenden Landwirtschaft würde hingegen ausschließlich 1.980 MJ pro Person und Jahr bzw. 163 PJ pro Gesamtbevölkerung und Jahr erfordern.

Die Einschränkung des Verzehrs an tierischen Lebensmitteln würde auch zu positiven Effekten hinsichtlich der Freisetzung klimarelevanter Gase führen. Die Treibhausgasemissionen verringerten sich von derzeit 65 Mio. t CO2-Äquivalenten auf 36 Mio. t CO2-Äquivalente (konventionelle Erzeugung) bzw. 32 Mio. t CO2-Äquivalente (ressourcenschonende Erzeugung) bzw. 37 Mio. t CO2-Äquivalente (ökologische Erzeugung). Dies entspräche einem Rückgang um 45 % bzw. 50 % bzw. 43 % im Vergleich zur gegenwärtigen Situation.

Die Bereitstellung der betrachteten tierischen Lebensmittel unter ökologischen Rahmenbedingungen schneidet damit in Hinblick auf Treibhausgase und Primärenergieverbrauch etwa gleich zur konventionellen Wirtschaftsweise ab. Die ressourcenschonende Wirtschaftsweise führt dagegen zu deutlich höheren Einsparungen im Bereich Primärenergieverbrauch und Treibhausgasemissionen.

Die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich der Bereitstellung tierischer Lebensmittel würde sich von aktuell 476.560 auf 255.150 bei konventioneller bzw. ressourcenschonender Wirtschaftsweise sowie auf etwa 369.355 bei ökologischer Wirtschaftsweise reduzieren. Dies entspricht Verlusten an Beschäftigungsmöglichkeiten in Höhe von 46 % (konventionell) bzw. rd. 20 % (ökologisch) im Vergleich zur Ausgangssituation.

Für die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit tierischen Lebensmitteln werden unter aktuellen Konsummustern etwa 10 Mio. ha LF benötigt. Diese Fläche würde sich bei einer Reduzierung des Konsums tierischer Lebensmittel auf 6 Mio. ha (konventionell bzw. ressourcenschonend) bzw. etwa 8,4 Mio. ha (ökologisch) verringern. Unter konventionellen/ressourcenschonenden Rahmenbedingungen würden demnach etwa 40 % der derzeit in Anspruch genommenen LF frei gestellt, während es bei ökologischer Bereitstellung immer noch 15 % wären.

Hinsichtlich der Flächeninanspruchnahme würden bei eingeschränktem Verzehr an Lebensmitteln tierischen Ursprungs und konventioneller Wirtschaftsweise im Vergleich zur Ist-Situation (konventionelle Bewirtschaftung) in Deutschland rd. 4 Mio. ha LF nicht mehr für die Erzeugung von Lebensmitteln tiersicher Herkunft benötigt. Bei ökologischer Erzeugung der reduzierten Verzehrsmengen würden immerhin noch rd. 1,5 Mio. ha freigesetzt. Wenn diese Flächen für Naturschutzzwecke oder zur Erzeugung nachwachsender Rohstoffe und Bioenergieträger zur Verfügung stünden, könnten indirekt positive Auswirkungen auf die gewählten sowie auf andere Nachhaltigkeitsindikatoren, z.B. Biodiversität, erzielt werden.

 

Erstellt am: 18.12.2008 - Kommentare an: webmaster