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Experimentelle Gesellschaft – das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv?

Experimentelle Gesellschaft – das Experiment als wissensgesellschaftliches Dispositiv?
Veranstaltungsart:Workshop
Tagungsort:ITAS, Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe, R. 418
Datum:20.02.14 - 21.02.14

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Programm (PDF)

Beschreibung

Gegenstand des Workshops ist die Bedeutungsvielfalt der Idee des experimentellen Handelns und der Spielarten experimenteller Praktiken in der gesellschaftlichen Modernisierung. Dargelegt und überprüft werden soll die Vermutung, dass im Experiment ein gesellschaftliches Dispositiv im Sinne Foucaults angelegt ist, dessen symbolische Bedeutung, Handlungsmotivation und Legitimationskraft grundlegender und weitreichender ist, als es der eingeengte Blick auf die experimentelle Methodik der Wissenschaft hergibt. Auch wenn man die Leitfunktion der Wissenschaft bei der begrifflichen Durchdringung und instrumentellen Verfeinerung des Experimentierens nicht in Frage stellen will, machen erst Beobachtungen der experimentellen Einstellungen und Praktiken in Ökonomie, Technologie, Politik, Medizin, Kunst, Literatur, Bildung und Erziehung die Reichweite des Dispositivs sichtbar. Wo immer es um die Erkundung des Neuen geht, verspricht die experimentelle Rahmung, die Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Erwartung und Enttäuschung, zwischen Gewinn und Verlust, zwischen Erleben und Versagen letztlich konstruktiv umzusetzen. Denn im Experiment werden gleichermaßen die Skepsis gegenüber unzulänglich begründeten Erwartungen und die Furcht vor unbekannten Folgen absorbiert. Für diese Kultivierung der Ungewissheit und des Risikobewusstseins ist im Kontext wissenschaftlicher Forschung die eminent wichtige Legitimationsform entwickelt worden, dass im Reich der Ideen bei Irrtümern und Fehlschlägen immer der Rückweg zum Ausgangspunkt erhalten bleibt, von dem aus sich neue Versuche eröffnen. Diese Konzeption ist für die Funktion der Wissenschaft in der Gesellschaft attraktiv, weil sie die Freiheit der Forschung mit einem Verwendungsvorbehalt der Erkenntnisse versieht. In historischer Betrachtung ist sie jedoch fragwürdig, weil die Diffusion des Wissens einer institutionellen Regulierung kaum unterworfen werden kann.

Diese Ambivalenz besteht erst recht für all die Bereiche der Gesellschaft, in denen ohne Einbindung in das Wissenschaftssystem die Beschleunigungsgewinne experimenteller Praktiken für kollektive Erkenntnis- und Erfahrungsgewinne genutzt werden. Denn die Gewinne führen in soziale, kulturelle und ökologische Ungleichgewichtslagen, deren Probleme selten angemessen antizipiert werden können. In der gegenwärtigen Diskussion zu Nachhaltigkeit und Entschleunigung werden Gegenstrategien entworfen. Sind sie jedoch tatsächlich weniger experimentell? Oder statten sie eher die experimentellen Strategien mit neuen Zielen aus? Ein Dispositiv zeigt genau darin Stärke, dass es sich auch in seiner Eingrenzung erweitert.

Auf dem Workshop soll in vier Themenschwerpunkten erkundet werden, ob die Idee des Experimentierens sich in ihrer Semantik und Reflexion, in ihren Praktiken und methodischen Strategien, in ihrer institutionellen und rechtlichen Verankerung und in ihrer begrifflichen Begründung zu einer Leitidee für Innovation und Modernisierung entwickelt, die ein Kernelement gegenwärtiger Selbstbeschreibung, Selbstbehandlung und Selbststeuerung wird.

Die vier Themenblöcke sind:

1. Das Experiment als Kollektivsymbol gesellschaftlicher Modernität. Erwartet werden hier Analysen des semantischen Raums des Experimentierens im Spiegel öffentlich-medialer Kommunikation; polemische Etikettierungen; moralische Bewertungen. Oder: Beiträge zur die historische Semantik z.B. bei Kennzeichnungen von politischen Revolutionen, kulturellen Epochenbrüchen, polit-ökonomischen oder technologischen Veränderungen.

Angefragte Beiträger_innen: Rolf Parr (Uni Bielefeld), Nina Janich (TU Darmstadt)

2. Laboratorien der Gesellschaft: Reformbewegungen, künstlerische Sezessionen, Schulprojekte, Siedlungsformen, Lebensstile und viele weitere Initiativen im Variationsraum gesellschaftlicher Modernisierung tragen Selbst- und Fremdzuschreibungen des Experimentellen. Erwartet werden Fallstudien und historische Rekonstruktionen, sowie modernisierungstheoretische Analyse.

Angefragte Beiträger_innen: Holger Schulze (HU Berlin), Marcus Andreas (RCC München)

3. Experimentelle Governance: Experimentelle Praktiken (Realexperimente), die Rechte Betroffener, anerkannte Interessen, basale Werte und massive Natureingriffe betreffen, bedürfen der institutionellen Regulierung. Von besonderem Interesse ist, wenn zur Bewältigung der Innovationsdynamik auch diese Regulierungen experimentelle Formen annehmen, z.B. durch Einbau von Sunset-Klauseln, öffentliche Diskurse oder Evaluation der Regulierungswirkungen.

Angefragte Beiträger_innen: Thomas Saretzki (Leuphana Lüneburg), Stefan May (LMU München), Peter Wehling (Uni Augsburg)

4. Philosophie des Experimentalismus: Das aufgespannte Themenfeld ist in der Gefahr, ihren Gegenstand in einer zu lockeren, weitgespannten Begriffsbildung zu verlieren. Seit John Dewey und Herbert Mead gibt es Ansätze, das Experimentieren zu einer grundlegenden Kennzeichnung des individuellen und kollektiven Lernens zu machen und in der Philosophie des Pragmatismus normativ zu rechtfertigen. Die deutsche Tradition ist dagegen stark geprägt von Max Webers Konzept der Modernisierung durch Rationalisierung. Gesucht werden Beiträge, die diesen epistemologischen, normativen und politisch-institutionellen Diskurs aufnehmen und weiterführen.

Angefragte Beiträger_innen: Hans-Jörg Rheinberger (MPIWG Berlin), Matthias Groß (UFZ Leipzig-Halle), Stefan Böschen (ITAS, KIT)